Halboffene Landschaften PDF Drucken E-Mail

 

Gibt es aus der Sicht des Naturschutzes Alternativen zur Streuobstwiese?


Trotz aller Anstrengungen, den traditionellen Streuobstbau zu erhalten, wird dies nicht überall gelingen. Es fehlen dazu schlichtweg die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Der Obstertrag zur Eigenversorgung der Bewirtschafter mit frischem Obst wird heute nicht mehr benötigt. Daher müssen bei Überlegungen zur Schaffung von neuen Lebensräumen für die Zielvogelarten die Obstbäume nicht mehr unbedingt eine Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen des LIFE+Projektes für die Arten der Vogelschutzrichtlinie die Schaffung von neuen, alternativen Lebensräumen konkret erprobt. Landschaftliche Vorbilder für die Gestaltung der Maßnahmenflächen waren halboffene Weidelandschaften und „Holzwiesen“. Das sind parkähnliche Landschaften mit lockerem Baumbestand, die im Vorland der Schwäbischen Alb und entlang des Albtraufs nur noch in wenigen, meist kleinflächigen Resten vorhanden sind. Im Vergleich zu einer traditionellen Obstbaumwiese können diese neuen Lebensräume mit einem deutlich geringeren Pflegeaufwand und damit kostengünstiger erhalten werden. Da die Obstwiesen in ihrer aktuellen Ausdehnung gerade einmal 150 bis 200 Jahre alt sind, können auch sie als „Alternativlebensräume“ für ehemals vorhandene Landschaftselemente bezeichnet werden. In früheren Zeiten lebten die Zielvogelarten mit hoher Wahrscheinlichkeit vor allem in halboffenen Weidewäldern. Historisch deckt sich die Aufgabe der Waldweide und weiterer Nutzungen wie Waldgraserei und Laubstreu gewinnung mit der Einführung der Stallhaltung, der Anlage von Wirtschaftswiesen und der Entstehung des ausgedehnten Obstanbaus.

Dies bedeutet, dass aus naturschutzfachlicher Sicht nicht zwangsläufig die Anpflanzung von hochstämmigen, veredelten Obstbäumen für die Qualität der Vogellebensräume ausschlaggebend ist. Vielmehr ist entscheidend, dass bestimmte Landschaftelemente auf möglichst großer Fläche vorkommen:

  • Der Baumbestand soll aus großkronigen Bäumen in freiem Stand zusammengesetzt sein. Für die Zielarten ist der Baumbestand umso bedeutsamer, je älter die Bäume sind.
  • Das Grünland soll möglichst arten- und strukturreich sein. Vorteilhaft ist, wenn auf etwa 10 bis 15 Prozent der Fläche weitere Strukturen wie einzelne Gebüsche, Heckenzüge oder Bachläufe vorkommen.

Diese Anforderungen wurden bei der Schaffung von StreuobstErsatzhabitaten im Rahmen des LIFE+-Projektes berücksichtigt.

 

Geeignete Baumarten


Für die alternativen Lebensräumen werden pflegeunabhängige Bäume gepflanzt, die im Gegensatz zu veredelten Obstbäumen keinen Erziehungs- und Erhaltungsschnitt bedürfen, um große Kronen auszubilden. Im Rahmen des LIFE+-Projektes wurde eine Auswahlliste möglicher Baumarten erarbeitet und mit Literaturdaten abgeglichen. Konkrete Hinweise zu geeigneten Baumarten erbrachten insbesondere die Literaturrecherchen zum Halsbandschnäpper im Rahmen der Erarbeitung des naturschutzfachlichen Leitbildes für das LIFE+-Projekt.

 

Flächen und Rahmenbedingungen


Bei der Schaffung neuer Lebensräume kann es keinesfalls darum gehen, bestehende und intakte Streuobstwiesen zu roden oder umzuwandeln. Vielmehr sind die alternativen Lebensräume vor allem dort interessant, wo der traditionelle Streuobstbau nicht mehr vorhanden oder auf absehbare Zeit nicht zu halten ist. Im Rahmen des LIFE+-Projektes wurden solche Flächen neugestaltet, für die kein Nutzungs- und Pflegekonzept mehr vorhanden war und deren Zustand nicht der Definition einer Streuobstwiese entsprach.

Dabei gab es zwei Grundtypen:

  • ehemalige Erwerbsobstanlagen aus zu dicht stehenden Nieder- oder Halbstammbäumen: Aus obstbaulicher Sicht hatten diese Anlagen ihre vorgesehene Nutzungsdauer bereits überschritten. Der Aufwand zur Pflege und Unterhaltung überstieg den wirtschaftlichen Nutzen deutlich. Aus Naturschutzsicht war eine eher geringe Wertigkeit gegeben.
  • Sukzessionsflächen mit Elementen halboffener Landschaften Es handelte sich stets um Flächen im Gemeindeeigentum. Durch die Neugestaltung der Flächen und den Abschluss von Pachtverträgen mit Landwirten konnten die Unterhaltskosten für diese Flächen deutlich gesenkt werden. Teilweise entstanden bescheidene Einnahmen in Form des Pachtzinses.

Fazit


Es gibt Möglichkeiten, für die Vogelarten der Streuobstwiesen alternative Lebensräume zu schaffen. Bei entsprechender Anlage und Planung können diese im Vergleich zu einer traditionell bewirtschafteten Streuobstwiese mit wesentlich geringerem Aufwand gepflegt und daher auch dauerhaft erheblich kostengünstiger erhalten werden.
Für unsere Kinder gehören die neuen, halboffenen Landschaften vielleicht einmal zum ganz normalen Landschaftsbild unserer Heimat. Von den ursprünglich drei Nutzungsformen einer Streuobstwiese – Grünland, Obst, Holz – bleiben so immerhin noch zwei übrig. Und die parkartig verstreuten Bäume bereichern als neues Element unsere Kulturlandschaft.

 

Welche Ersatzlebensräume wurden geschaffen?


Im Rahmen des LIFE+-Projekts wurden in zehn Gemeinden auf 47 Hektar insgesamt 333 großkronige, hochstämmige und pflegeunabhängige Bäume gepflanzt. Wo früher einmal Obstplantagen oder verwilderte Streuobstwiesen waren, wachsen jetzt Wildkirsche, Walnuss, Bergahorn, Eiche und andere Arten. Zudem wurden kleinere Hecken angelegt und rund 2,5 km Festzäune installiert. In Zukunft werden hier neue, halboffene Landschaften entstehen, die ähnliche Lebensraumqualitäten bieten wie Streuobstwiesen.

 

Eine Broschüre mit den Sortenlisten pflegeextensiver Obstgehölze finden Sie hier zum Downloaden.

 

Zur Information über diese Maßnahme wurden für die Gemeinden Infotafeln erstellt. Diese wurden auf den entsprechenden Maßnahmenflächen montiert.

 

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Maßnahmenfläche in Weilheim vor der Rodung

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 21. April 2015 um 08:29 Uhr